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Zur Beantwortung der Frage, ob sich die Evolutionstheorie mit dem Glauben an Gott vereinbaren lässt, bedarf es zunächst einer genaueren Betrachtung der Evolutionstheorie.
Was sind die Ziele und Inhalte der Evolutionstheorie?
Die Evolutionstheorie verfolgt das Ziel, die Entstehung und Entwicklung der Arten biologischen Lebens anhand so genannter „Evolutionsprozesse“ zu erklären - unabhängig von der Frage, wodurch diese Prozesse ausgelöst oder begleitet wurden. Das Grundprinzip der Evolution wird als „Natürliche Selektion“ oder „Survival of the Fittest“ bezeichnet. Es besagt, dass sich alle existierenden Lebewesen aufgrund überlegener Eigenschaften in der Vergangenheit gegenüber anderen Lebewesen durchgesetzt haben und auch in Zukunft werden durchsetzen müssen. Lebewesen bzw. deren Eigenschaften, die sich als nicht überlegen erweisen, fallen hingegen früher oder später der „Natürlichen Selektion“ zum Opfer und sterben aus. Die Natur als der Lebensraum der Menschen und Tiere beruht demnach nicht auf emotionalen oder moralischen Werten (wie z.B. Liebe oder Gerechtigkeit), sondern sie funktioniert ausschließlich nach den Prinzipien „Überleben des Stärkeren“ und „Tod des Schwächeren“. Besonders deutlich zeigen sich diese Prinzipien in der Tierwelt, aus der wir Menschen gemäß der Evolutionstheorie abstammen. In der Tierwelt ist der Tod von Lebewesen nicht nur notwendig, sondern sogar nützlich, da er zur „Höherentwicklung“ des Lebens durch „Ausselektion“ schwacher Lebewesen führt.
Was sind die Konsequenzen der Evolutionstheorie?
Wenn wir Menschen als Teil dieser lieblosen und ungerechten Natur ausschließlich das Produkt von Evolutionsprozessen wären, dann müssten auch wir selbst in unserem tiefsten Inneren nach Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit strebende Wesen sein. Die Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit in der Welt dürfte uns keineswegs schockieren, sondern sie müsste uns völlig natürlich erscheinen, da sie den Ursprung und Kern unserer eigenen Existenz darstellt. Interessanterweise ist jedoch genau das Gegenteil zu beobachten: Überall in der Welt sehnen sich Menschen in ihrem tiefsten Inneren nach Liebe und Gerechtigkeit und reagieren wütend und schockiert, wenn anderen Menschen Lieblosigkeit oder Ungerechtigkeit widerfährt. Überall in der Welt setzen sich Menschen unter Einsatz ihres eigenen Lebens gegen den Tod, das Leid und die Unterdrückung von Schwächeren ein - und das, obwohl dieser Einsatz im Widerspruch zu ihrer evolutionären Natur steht. Wie ist unsere tiefe Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit zu erklären, wenn die Prinzipien „Überleben des Stärkeren“ und „Tod des Schwächeren“ alles sind, was uns die Evolution im Laufe der Jahrtausende gelehrt hat?
Lässt sich unsere tiefe Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit evolutionär begründen?
Bis zu einem gewissen Grad lassen sich Werte wie Liebe und Gerechtigkeit zwar evolutionär begründen, da sie das menschliche Zusammenleben begünstigen und dadurch vorteilhaft für unser Überleben sind. Dies bezieht sich laut der Evolutionstheorie allerdings nur auf solche Wesenszüge und Verhaltensweisen, die für unser Überleben von Vorteil und damit zweckgebunden sind. Unabhängig davon zeichnet uns Menschen jedoch auch ein völlig selbstloses und aufopferndes Streben nach Liebe und Gerechtigkeit aus, das nicht Mittel zum Zweck ist, sondern ausschließlich um seiner selbst Willen erfolgt (z.B. wenn Menschen für andere Menschen aus reiner Liebe ihr Leben riskieren). Dieses Streben nach Liebe und Gerechtigkeit ist so irrational und macht uns so stark verletzlich, dass es eigentlich im Laufe der Evolution hätte „ausselektiert“ worden sein müssen.
Kann die Evolutionstheorie die Existenz und das Wesen von uns Menschen erklären?
Es ist daher fraglich, inwieweit die Evolutionstheorie dazu in der Lage ist, die Existenz und das Wesen von uns Menschen vollständig zu erklären. Wie kann unsere lieblose und ungerechte Natur - aufbauend auf den Prinzipien „Überleben des Stärkeren“ und „Tod des Schwächeren“ - im Laufe der Jahrtausende aus den chemischen Elementen des Urknalls uns sich so sehr nach Liebe und Gerechtigkeit sehnende Menschen hervorgebracht haben? Ohne die evolutionstheoretischen Erkenntnisse grundsätzlich in Frage zu stellen, erscheint es legitim, die Existenz und das Eingreifen eines Gottes ernsthaft in Betracht zu ziehen. So wird im christlichen Glauben davon ausgegangen, dass die Entstehung und Entwicklung aller Menschen ihren Ursprung in der vollkommenen Liebe und Gerechtigkeit Gottes hat. Dies könnte die Veranlagung von uns Menschen zu einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit plausibel erklären.
Exkurs: Lässt sich die Existenz Gottes beweisen?
Da es - wie eingangs erwähnt - gar nicht das Ziel der Evolutionstheorie ist, zu erklären, wodurch der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Arten biologischen Lebens ausgelöst oder begleitet wurde, steht die Evolutionstheorie jedoch keineswegs im Widerspruch zum Glauben an Gott. Inwieweit man die Evolutionstheorie für sich persönlich mit dem Glauben an Gott vereinbaren kann, entscheidet sich letztlich daran, ob man von einem wörtlichen oder von einem symbolischen Verständnis der biblischen Schöpfungsgeschichte ausgehen möchte. Setzt man ein wörtliches Verständnis der Schöpfungsgeschichte voraus (Kreationismus), so lässt sich die Evolutionstheorie nicht mit dem Glauben an Gott vereinbaren. Geht man hingegen von einem symbolischen Verständnis der Schöpfungsgeschichte aus, so lässt sich die Evolutionstheorie durchaus mit dem Glauben an Gott vereinbaren (Theistische Evolution).