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Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es zunächst einer genaueren Betrachtung der Evolutionstheorie: Das Ziel der Evolutionstheorie besteht darin, den Prozess der Entstehung und Entwicklung der Arten zu erklären - und zwar unabhängig von der Frage, wodurch dieser Prozess ausgelöst oder begleitet wurde. Das Grundprinzip, auf dem die Evolutionstheorie basiert, lautet „Natürliche Selektion“ bzw. „Survival of the Fittest“. Dies bedeutet, dass sich alle auf der Erde existierenden Lebewesen aufgrund überlegener Eigenschaften in der Vergangenheit gegenüber anderen Lebewesen durchgesetzt haben und auch in Zukunft werden durchsetzen müssen. Lebewesen bzw. deren Eigenschaften, die sich als nicht überlegen erweisen, werden hingegen früher oder später durch die Natur „ausselektiert“.
Die Natur als der Lebensraum der Menschen und Tiere folgt demnach keinen moralisch-ethischen Grundsätzen (wie z.B. Liebe, Selbstlosigkeit oder Fairness), sondern sie funktioniert nach den Prinzipien „Recht des Stärkeren“ und „Überleben durch Überlegenheit“. Wenn wir Menschen als Teil dieser Natur ausschließlich ein Produkt der Evolution wären, dann müssten die beschriebenen Prinzipien und Werte tief in uns verwurzelt sein. Doch warum rebellieren wir Menschen seit jeher gegen den Tod, das Leid und die Unterdrückung von Schwächeren, obwohl diese Rebellion nicht Teil unseres „evolutionären Erbes“ ist? Warum sehnen wir uns zutiefst nach Liebe und Gerechtigkeit, obwohl uns die Evolution eigentlich gelehrt haben müsste, dass uns dies in dieser Intensität angreifbar und verletzlich macht und unser Überleben gefährdet?
Bis zu einem gewissen Grad lassen sich Werte wie Liebe und Gerechtigkeit zwar evolutionär begründen, da sie das menschliche Zusammenleben begünstigen und dadurch vorteilhaft für unser Überleben sind; dies bezieht sich laut der Evolutionstheorie allerdings nur auf solche Wesenszüge und Verhaltensweisen, die für unser Überleben von Vorteil und damit nutzenorientiert sind. Unabhängig davon existiert bei uns Menschen jedoch auch eine völlig selbstlose und aufopfernde Liebe, die nicht Mittel zum Zweck ist, sondern ausschließlich um ihrer selbst Willen erfolgt (z.B. wenn Menschen für andere Menschen aus reiner Liebe ihr Leben riskieren). Eine solche Liebe ist so irrational und macht uns so stark verletzlich, dass sie im Laufe der Evolution eigentlich hätte „ausselektiert“ worden sein müssen.
Es ist daher fraglich, inwieweit die Evolutionstheorie dazu in der Lage ist, die Existenz und das Wesen von uns Menschen vollständig zu erklären. Wie kann unsere unmoralisch-unethische Natur - aufbauend auf den Prinzipien „Recht des Stärkeren" und „Überleben durch Überlegenheit“ - im Laufe der Jahrtausende aus den chemischen Elementen des Urknalls ohne das externe Eingreifen eines Gottes uns sich so sehr nach Liebe und Gerechtigkeit sehnende Menschen hervorgebracht haben? Ohne die evolutionstheoretischen Erkenntnisse grundsätzlich in Frage zu stellen, erscheint es legitim, die Existenz eines Gottes zumindest in Betracht zu ziehen. So wird im christlichen Glauben davon ausgegangen, dass die Entstehung und Entwicklung aller Menschen ihren Ursprung in der vollkommenen Liebe und Gerechtigkeit Gottes hat. Dies könnte die Veranlagung von uns Menschen zu einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit plausibel erklären.
Da es - wie eingangs erwähnt - gar nicht das Ziel der Evolutionstheorie ist, zu erklären, wodurch der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Arten ausgelöst oder begleitet wurde, steht die Evolutionstheorie jedoch keineswegs im Widerspruch zum Glauben an Gott. Inwieweit man die Evolutionstheorie für sich persönlich mit dem Glauben an Gott vereinbaren kann, entscheidet sich letztlich daran, ob man von einem wörtlichen oder von einem symbolischen Verständnis der biblischen Schöpfungsgeschichte ausgehen möchte. Setzt man ein wörtliches Verständnis der Schöpfungsgeschichte voraus („Kreationismus“), so lässt sich die Evolutionstheorie nicht mit dem Glauben an Gott vereinbaren. Geht man hingegen von einem symbolischen Verständnis der Schöpfungsgeschichte aus, so lässt sich die Evolutionstheorie durchaus mit dem Glauben an Gott vereinbaren („Theistische Evolution“).